Zum Inhalt springen

Automatisierter Journalismus

*Update Masterarbeit ARD/ZDF Förderpreis*

Mit meiner Masterarbeit über Automatisierten Journalismus bin ich für den ARD/ZDF Förderpreis „Frauen und Medientechnologie 2018“ nominiert. Unter den 10 Nominierten werden am 15. Juli 2018 die finalen Preisträgerinnen bekanntgegeben. Alle weiteren Infos gibt es hier: http://www.ard-zdf-foerderpreis.de/portraits/nominierte/. Ich freue mich sehr und bin gespannt, wie es weitergeht!*

 

In meiner Masterarbeit habe ich den aktuellen Stand des Automatisierten Journalismus untersucht und in einer Vorstudie unter Studierenden der Kommunikationswissenschaft erste Daten über deren Meinungsbildung zum Thema erhoben. Die Arbeit habe ich im Herbst 2017 an der Universität Bamberg abgegeben und sie wurde mit Bestnote bewertet.

Aufbau und Ziel der Arbeit

Automatisierter Journalismus beschreibt die Möglichkeit, durch Einsatz entsprechender Software automatisiert Texte für den Journalismus zu erzeugen. Nachdem der Algorithmus initial implementiert und trainiert wurde, kann jede Stufe der Nachrichtenproduktion, von der Datensuche und der Datenanalyse über die eigentliche Produktion eines Beitrags bis hin zur Veröffentlichung automatisiert, das heißt ohne weitere menschliche Intervention, erfolgen. Die Technologie wurde in der Computerlinguistik entwickelt und nennt sich natürlichsprachliche Generierung (engl.: Natural Language Generation, kurz: NLG). Automatisierter Journalismus ist besonders für die Auswertung und Versprachlichung von quantitativen Analysen geeignet, da die Verfahren am zuverlässigsten funktionieren, wenn eine große Anzahl digitaler, strukturierter und verlässlicher Daten vorhanden ist. Die kommerziellen Softwareanbieter offerieren ihre Systeme bisher hauptsächlich für Produktbeschreibungen im E-Commerce, im Journalismus werden sie vor allem für Sport-, Finanz- und Wetterberichte eingesetzt. Es gibt zudem Pilotprojekte mit dem Ziel, automatisierten Journalismus auch für weitere Themen, wie beispielsweise für die Politikberichterstattung, zu verwenden.

Nach einer ausführlichen Deskription des Automatisierten Journalismus wird in einer explorativen Vorstudie untersucht, ob Studierende der Kommunikationswissenschaft, das heißt Personen, die sich mit der Zukunft des Journalismus beschäftigen und diese mit gestalten werden, von der Existenz des automatisierten Journalismus gehört haben, wie sie die Möglichkeiten und Risiken einschätzen und welche offenen Fragen die Studierenden zum Untersuchungsgegenstand haben. Die Ergebnisse zeigen, dass die Studierenden bis auf einzelne Ausnahmen keine Kenntnisse über automatisierten Journalismus haben, dem Thema mehrheitlich skeptisch gegenüberstehen und sich weitere Informationen über die Technologie und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen und Konsequenzen wünschen.

Schlagwörter
Automatisierter Journalismus, Algorithmisierter Journalismus, algorithmisierte Medien, automated journalism, media accountability, ethics of algorithms, Innovationen in Medien, Innovationen im Journalismus

Resümee Automatisierter Journalismus

Nach der Auseinandersetzung mit wesentlichen Begriffen und einer Einordnung der Geschwindigkeiten technologischer Entwicklungen im Journalismus hat die Deskription des Untersuchungsgegenstands verschiedene Potenziale und Eigenschaften des automatisierten Journalismus herausgearbeitet, mit denen Medienunternehmen in der Lage sind, kostengünstig eine hohe Anzahl von Texten mit konkurrenzloser Schnelligkeit zu erzeugen. Aktuell wird die computergenerierte Berichterstattung hauptsächlich im Bereich Sport-, Finanz-, Wetterberichterstattung eingesetzt, findet aber in Teilen bereits in weiteren Themengebieten ihre Anwendung, beispielsweise in der Boulevardpresse oder auch in der Wahlberichterstattung. Um abwechslungsreiche und komplizierte Textergebnisse zu erzeugen, werden komplexe Algorithmen zur natürlich- sprachlichen Generierung verwendet, die vor allem in kommerziellen Softwareunternehmen entwickelt werden. Deren größte Kunden sind dabei nicht Medienunternehmen, sie kommen vielmehr überwiegend aus dem Online-Handel, da automatisierter Journalismus wegen der hohen Qualitätsanforderungen an die erstellten Artikel ein vergleichsweise teures Produkt ist. Nichtsdestotrotz ist der Einsatz von NLG-Algorithmen in verschiedenen Medienunternehmen bekannt. Zum Überblick wurden die wesentlichen Akteure und die ökonomische Marktsituation dargestellt. Die spezifischen Vorteile, die mit automatisiertem Journalismus erzielt werden, sind eine hohe Personalisierung von Nachrichtenangeboten vor allem für Artikel, in denen die Auswertung und die Präsentation von großen Datenmengen und weniger ein hohes Lesevergnügen im Vordergrund steht, sowie die Ausfertigung von Routinetexten und die extrem schnelle Veröffentlichung von Schlagzeilen und standardisierten Texten.

Neben der Auseinandersetzung mit den technologischen Möglichkeiten und Grenzen sowie der Funktionsweise der Algorithmen wurde in der Beschreibung des Untersuchungsgegenstands auch auf ethische, gesellschaftliche und juristische Auswirkungen eingegangen. Die Zukunft des automatisierten Journalismus hängt dabei maßgeblich von der Einstellung und der Bewertung der Leser ab. Sie werden schlussendlich über die Glaubwürdigkeit und das Vertrau- en in computergenerierte Berichterstattung sowie über konkrete Anforderungen, zum Beispiel eine Kennzeichnung der automatisiert generierten Artikel, entscheiden. Um derartige Entscheidungen fundiert treffen zu können, ist eine ausgewogene und umfassende Informationsbasis notwendig. Die durchgeführte Datenbankrecherche sowie die explorative Vorstudie haben ein massives Informationsdefizit unter Lesern und Mediennutzern deutlich gemacht: Zwischen 2014 und 2016 wurde der Untersuchungsgegenstand in ausgewählten deutschen Zeitungen wenig thematisiert und die Vorstudie gezeigt, dass auch die überwiegende Mehrheit der teilnehmenden Studierenden der Kommunikationswissenschaft keine oder wenig Kenntnisse über die Existenz oder die Ausgestaltung des automatisierten Journalismus haben. Dabei zeigen die Vorstudienergebnisse weiterhin, dass die Studierenden dem automatisierten Journalismus überwiegend skeptisch gegenüberstehen und gleichzeitig hohe Anforderungen an die Kennzeichnung der computergenerierten Texte haben. Die Teilnehmer äußern zudem mehrheitlich das Bedürfnis, weiterführende Informationen zum automatisierten Journalismus zu erhalten.

Die Erkenntnis, dass den Lesern bisher wenig Informationen über automatisierten Journalismus bekannt sind, deckt sich auch mit dem Forschungsstand innerhalb der deutschen Kommunikationswissenschaft, in der der Untersuchungsgegenstand bisher wenig Beachtung gefunden hat. Dabei ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand wichtig, wenn Algorithmen künftig in vielen Bereichen und Themengebieten automatisierte Berichterstattung und damit journalistische Funktionen, wie zum Beispiel die Kritik- und Überwachungsfunktion von Politik und Gesellschaft, übernehmen. Besonders dringend scheinen hier Forschungsarbeiten zu Anforderungen an eine algorithmic transparency oder die Ausbildung einer algorithmic accountability notwendig, um das Vertrauen der Leser und die wahrgenommene Glaubwürdigkeit des automatisierten Journalismus zu analysieren. Nicht nur im automatisierten Journalismus, sondern in nahezu allen Bereichen, in denen Algorithmen in den Medien eingesetzt werden, bleibt bisher in Teilen unbeantwortet, wer beispielsweise für Fehler in der Berichterstattung verantwortlich ist oder wer bei widersprüchlichen Artikeln glaubwürdiger ist – der Mensch oder die Maschine? Die Komplexität der ungelösten Fragen verdichtet sich zudem, wenn verstärkt Verfahren der Künstlichen Intelligenz verwendet werden. Hier sind Forschungsarbeiten notwendig, die sich aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive mit dem Einsatz von KI-Verfahren in den Medien auseinandersetzen.

Die Prophezeiung Kris Hammonds (Gründer und Technischer Leiter des weltweiten Marktführers für automatisierte Textgenerierung Narrative Science), dass künftig 90 Prozent der Nachrichten durch Algorithmen erstellt werden können, kann in dieser Höhe zumindest angezweifelt werden. Aufgrund der spezifischen Eigenschaften und Potenziale des automatisierten Journalismus ist aber davon auszugehen, dass der automatisierte Journalismus im Journalismus künftig eine wichtige Rolle spielt. Dabei sind die gesellschaftlichen, ethischen und politischen Auswirkungen in Teilen ungeklärt. Vor allem müssen die Leser ein erhebliches Informationsdefizit ausgleichen, um aus normativer Sicht einen angemessenen Umgang mit den Technologien zu finden.

Eine Auswahl interessanter Links zum Thema (frei zugänglich)

  • Der Guide zu Automated Journalismus von Andreas Graefe (2016) inkl. Download-Link für den vollständigen Report. Der Guide ist eine umfassende Zusammenstellung aller wichtigen Punkte im Bezug auf den Automatisierten Journalismus und thematisiert die Marktphase, Pro- und Contra, Bedingungen und Grenzen sowie aktuelle Fragen für die Gesellschaft, Medienunternehmen, Leser und Journalisten.
  • Nick Diakopoulus (2014) untersucht die Funktionsweise verschiedener Textgenerierungs-Algorithmen anhand der eingereichten Patente, die die Marktführer (Narrative Science, Automated Insights, and Yseop) halten, und generiert so Erkenntnisse über die unterschiedlichen Schwerpunkte der Algorithmen oder verschiedene Spezifikationen der Softwaresysteme.
  • Entwurf für eine ethische Selbstverpflichtung oder Checkliste zum Einsatz von NLG-Verfahren von Tom Kent (2016).

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.